Information zum Thema     Aufmerksamkeitsstörungen

Aufmerksamkeitsstörungen, Impulsivität und Hyperaktivität gelten als zentrale Störfaktoren beim Lernen und im Unterrichtsgeschehen. Die biologisch orientierte Medizin zählt diese Problemkomplexe zusammen mit den aggressiven Verhaltensproblemen zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindesalter. Bezüglich des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS/ADHS) werden in der biologisch orientierten Medizin folgende Auffälligkeiten unterschieden:

Unaufmerksamkeit

Unaufmerksamkeit gegenüber Details; Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten; Vermeiden von Aufgaben, die geistige Anstrengungen erfordern; mangelnde Organisationsfähigkeit von Aktivitäten und von zu erledigenden Aufgaben; Ablenkungsbereitschaft durch externe Stimuli.

Impulsivität

Exzessives Reden; Unfähigkeit, Aktivitäts-Impulse zu kontrollieren, beim Reden, beim Antworten und beim Handeln; auffällige Probleme, angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren.

Überaktivität

Auffällige, situationsunabhängige motorische Unruhe; exzessives Umherlaufen und Klettern, das nicht situationsangepasst ist; Muster auffälliger motorischer Aktivitäten, die durch Vorschriften der sozialen Umgebung kaum durchgreifend beeinflussbar sind.

Häufigkeit

Lehrerinnen und Lehrer in der Grundschule schätzen nicht selten, dass der Anteil aufmerksamkeitsgestörter Kinder an der Gesamtzahl von Kindern mit schulischen Problemen 60 oder gar 80 Prozent beträgt.

In medizinischen Leitfäden ist von 7 bis 17 Prozent aller Jungen und von 3 bis 6 Prozent aller Mädchen zwischen 4 und 18 Jahren die Rede, die nach dem international gültigen Klassifikationssystem des DSM III/IIIR/IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Diagnostiksystem für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter) vom Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS/ADHS) betroffen sein sollen.

Probleme

Die öffentlich viel beachtete Diskussion dieser Phänomene zeigt allerdings einen auffälligen Mangel. Es gibt zwar eine kaum noch überschaubare Zahl an Untersuchungen, in denen versucht wird, mit Hilfe neurochemischer, elektrophysiologischer, molekularbiologischer und bildgebender Verfahren nachzuweisen, dass organische, d. h. neurobiologische Faktoren als Ursachen für die mit ADS/ADHS umschriebenen Verhaltensstörungen anzunehmen sind. Es findet allerdings fast keine Auseinandersetzung darüber statt, was unter Aufmerksamkeit zu verstehen ist und wie sie sich entwickelt. Das hat Konsequenzen für die Diagnostik dieser Störungen.

Diagnostik

Es gibt weder Testverfahren, mit denen man die mit ADS/ADHS umschriebenen Verhaltensauffälligkeiten diagnostizieren könnte, noch Untersuchungsmethoden, die auf physiologischer Basis beruhend, einen direkten diagnostischen Zugriff ermöglichen würden. Die Diagnostik dieser Störungen ist vermittelt und symptomorientiert. Sie erfolgt über Befragungen der Betroffenen und des Umfeldes und über den Ausschluss von anderen Krankheiten, die sich in ähnlichen Erscheinungsformen zeigen können wie in den mit ADS/ADHS in Verbindung gebrachten Verhaltensauffälligkeiten.

Beurteilungs-Kriterien

Die Kriterien, nach denen die biologisch orientierte Medizin Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen beurteilt, sind nicht inhaltlich definiert. Die Auffälligkeiten müssen situationsübergreifend auftreten und sie müssen länger als 6 Monate und möglichst bereits vor dem 5. Lebensjahr aufgetreten sein.

Probleme der Beurteilung

Hinreichende Aufmerksamkeit versus gestörte Aufmerksamkeit

Was eine hinreichende Aufmerksamkeitsleistung von einer gestörten Aufmerksamkeitsleistung unterscheidet, kann mit Hilfe dieser ausschließlich formalen Kriterien nicht entschieden werden.

Aus der Entwicklungspsychologie ist schon lange und nicht erst seit der Diskussion um ADS/ADHS bekannt, dass sich Schulkinder im Laufe der Grundschulzeit von Vorschulkindern vor allem in ihren Fähigkeiten der eigenständig motivierten, zielgerichteten Fokussierung von Aufmerksamkeit und der Fähigkeit zur dauerhaft aufrecht erhaltener Aufmerksamkeit mit zunehmendem Alter und zunehmender Bewältigung von Entwicklungsaufgaben unterscheiden. Es gehört zum Kindsein, dem nachzugehen, was den Blick auf sich zieht oder was aus unmittelbaren Neugier-Impulsen heraus momentan interessiert. Kinder müssen lernen, sich nicht nur stimulieren zu lassen, sondern ganz bestimmten Interessen nachzugehen, von Nebensächlichem abzusehen und ihr Verhalten bestimmten Zielen unterzuordnen. Das ist ein Entwicklungsprozess, der sich immer in einem bestimmten Umfeld vollzieht (Familie, soziale Umgebung, gesellschaftliche Rahmenbedingungen). Dieser Lern- und Entwicklungsprozess erfolgt bei unterschiedlichen Kindern in einem unterschiedlichen Tempo. Deshalb ist Vorsicht geboten bei der Diagnostizierung von Auffälligkeiten als Entwicklungs-Störungen.

Altersangemessene Verhaltensweisen versus Auffälligkeiten

Die Diagnostik von Entwicklungsstagnationen, Fehlentwicklungen und Entwicklungsproblemen ist also ohne einen klar definierten Begriff von Entwicklung und von Aufmerksamkeit kaum möglich. Wie will man ansonsten entscheiden können, was als altersangemessene Verhaltensweisen zu beurteilen ist und was nicht?

Aufmerksamkeitsstörungen versus Lernstörungen anderer Art

Und schließlich weist selbst die biologisch orientierte Medizin darauf hin, dass sich Probleme, die mit ADS/ADHS in Zusammenhang gebracht werden, vor allem in der Schule zuspitzen. Es gibt Zahlen, die besagen, dass bis zu 60 Prozent der mutmaßlich von ADS/ADHS betroffenen Kinder auch Lese-Rechtschreibschwächen und/oder Rechenschwächen zeigen.

Ein schlüssiges Konzept, das eine begriffliche Differenzierung von Lernstörungen und Aufmerksamkeitsstörungen liefern oder gar Hinweise auf Ursache-Wirkungszusammenhänge erlauben würde, gibt es in diesem biologisch orientierten medizinischen Wissenschaftszweig jedoch nicht.

Prozessorientierte Diagnostik

Gegenüber vorschnellen Schlüssen ist also Vorsicht geboten. Nicht alles, was auffällt am Verhalten von Kindern, besonders, wenn es um das Lernen geht, ist einzig dem Syndrom ADS/ADHS zuzuschreiben.

Oft stehen hinter Aufmerksamkeitsdefiziten komplexe Entwicklungs- und Lernprobleme. Diese lassen sich kaum mit einer symptomorientierten Diagnostik entschlüsseln. Erforderlich ist vielmehr eine differenzierte, prozessorientierte Diagnostik, die folgende Faktoren berücksichtigt:

- sorgfältige Erhebung von Einzelinformationen zur gesamten Entwicklungs- und Lerngeschichte des Kindes

- Berücksichtigung von Krisen im individuellen Entwicklungs- und Lernverlauf

- Untersuchung des Stellenwerts dieser Krisen in bezug auf die Änderung aller anderen erhobenen auffälligen Erscheinungsformen in den Bereichen

  • emotionale und soziale Bedingungen der Entwicklung und des Lernens
  • Entwicklung von Neugierverhalten und Interessen
  • Entwicklung der Steuerung von Wahrnehmungen und Empfindungen
  • Entwicklung des Körper-Selbstbildes
  • Motiventwicklung
  • soziale und schulische Rahmenbedingungen des Aufwachsens und Lernens

- Ermittlung der Bedeutung von Einzelfakten, indem diese Einzelfakten zueinander in Beziehung gesetzt werden

- theorieorientierte, kriteriengeleitete Gruppierung der Einzelfakten sowie begründete, kriteriengeleitete Beurteilung von Kardinalsymptomen und Sekundärerscheinungen.

Therapie

Die Förderung aufmerksamkeitsschwacher Kinder muss sich mit der Entwicklung des Lernens und der Aufmerksamkeit beschäftigen und darf nicht auf Einzelaspekte wie Reizfilter-Prozesse reduziert werden.

Schnellen therapeutischen Lösungen ist ein erhebliches Maß an Skepsis entgegen zu bringen:

- Die therapeutischen Bemühungen haben sich an den Ergebnissen der umfangreichen, prozessorientierten Diagnostik zu orientieren.

- Rasche, durch Verabreichung von Psychostimulanzien erzielte „Therapieerfolge“ können darüber hinwegtäuschen, dass lediglich Ruhigstellungen erreicht wurden, aber keine Hilfen zur Selbsthilfe beim Erlernen von Selbststeuerungsprozessen auf den Weg gebracht werden konnten.

- Therapeutische Bemühungen müssen individuell auf das Kind und seine Familie zugeschnitten sein.

- Individuell angemessene und zu bewältigende Aufgaben haben zum Ziel, Entwicklungen zur Aneignung von Selbststeuerungskompetenzen in kleinen Schritten zu ermöglichen.

- Fördern heißt Fordern mit Aufgaben, die dazu anregen,

  • den Körper beherrschen zu lernen,
  • das Neugierverhalten regulieren zu lernen,
  • Wahrnehmungen und Empfindungen steuern zu lernen und
  • die Fähigkeit, innerlich tätig zu werden, zu erlernen.

Dazu sind theoretisch reflektierte und differenzierte, flexible, individuelle und kreative Vorgehensweisen erforderlich.