Information zum Thema    Rechenschwäche

Über Rechenschwäche ist in der Öffentlichkeit weit weniger bekannt als über Lese- und Rechtschreibschwäche. Auch das vorhandene wissenschaftliche Wissen über diese Problematik ist weitaus geringer als über Legasthenie-Probleme. Es gibt bisher keine einheitliche Definition für Rechenschwäche, da keine Einigkeit darüber herrscht, wo Grenzen zu ziehen sind und welche sich verfestigenden Probleme beim Erlernen des Rechnens als so ernsthaft zu betrachten sind, dass die Entwicklung des mathematischen Denkens insgesamt als erheblich beeinträchtigt eingeschätzt werden muss.

Häufigkeit

Entsprechend der wissenschaftlichen Ausrichtung werden höchst unterschiedliche Werte genannt als Antwort auf die Frage, wie viele Kinder von diesen Schwierigkeiten betroffen sind. Je nach Untersuchung wurden bei 2 Prozent bis 11 Prozent der Schüler eines Grundschuljahrgangs Rechenschwächen diagnostiziert.

Abgrenzung

Relative Einigkeit herrscht darüber, dass zwischen erworbenen Rechenproblemen und entwicklungsbedingter Rechenschwäche (Dyskalkulie) zu unterscheiden ist. Von erworbenen Rechenstörungen ist zu sprechen, wenn man Probleme beim Erwerb von Rechenfertigkeiten in einen Zusammenhang mit unangemessener Unterrichtung bringen kann. Eine von diesen Problemen zu unterscheidende entwicklungsbedingte Rechenschwäche wird dann als „umschriebene Störung“ bezeichnet, wenn sie anhand des von der Weltgesundheitsorganisation entwickelten Katalogs psychischer Störungen (ICD-10: International Classification of Diseases – 10. Fassung) als Entwicklungsverzögerung klassifiziert werden kann. Eine umschriebene Rechenschwäche ist nicht allein durch eine Entwicklungsverzögerung in der allgemeinen Intelligenzentwicklung oder durch eine unangemessene schulische Unterweisung erklärbar. Sie hat einen stetigen Verlauf und bleibt stabil, auch bei sich verändernden Anforderungen an das Kind.

Ursachen-Forschung

Visuell-räumliche Wahrnehmung

Es konnte ein deutlich nachweisbarer Zusammenhang zwischen Rechenstörungen und visuell-räumlichen Wahrnehmungsproblemen festgestellt werden. Die von Rechenschwächen betroffenen Kinder haben sehr häufig Orientierungsprobleme im Raum und sie besitzen nur unzureichende Vorstellungen von Mengen und Größen. Man vermutet, dass sie deshalb große Schwierigkeiten bei der Entschlüsselung von Zählprinzipien haben. Beispielsweise gelingt es Ihnen nur schwer, konkreten Objekten im Raum (Stühlen) eine genaue Anzahl zuzuordnen. Rechenschwache Kinder haben darüber hinaus einen nur schwach ausgebildeten visuell-räumlichen „Skizzenblock“. Das führt dazu, dass sie Probleme haben, mathematisches Faktenwissen abzurufen.

Entwicklung von mathematischen Vorstellungsbildern

Auch zeigen Kinder mit Rechenschwächen Defizite in der mathematischen Vorstellungsbildung. Mit Hilfe von Veranschaulichungsmitteln können sie zwar Zahlen in Zehnerblöcken gruppieren. Sie zeigen aber große Schwierigkeiten, dieses Rechnen mit Veranschaulichungsmitteln auf andere ähnliche Situationen zu übertragen. Die entsprechenden handlungsgebundenen Vorstellungsbilder bleiben unverbunden, es wird kein verallgemeinerndes Verständnis des Stellenwertsystems (10er-System) entwickelt.

Gedächtnis-Störungen

Außerdem wurde festgestellt, dass rechenschwache Kinder häufig Störungen im Arbeitsgedächtnis aufweisen. Das wirkt sich sowohl auf ihre Fähigkeit aus, sich Zahlen und Zahlenfolgen zu merken, als auch auf ihre Arbeitsgeschwindigkeit.

Aufmerksamkeits-Leistungen

Es scheint Zusammenhänge zwischen Aufmerksamkeitsleistungen und Rechenstörungen zu geben. Darüber hinaus haben rechenschwache Kinder oft auch Lese- und Rechtschreibprobleme.

Diagnostik

Die Diagnostik von Rechenschwächen ist noch in der Entwicklung begriffen. Erst in jüngster Zeit sind Tests erarbeitet worden, mit deren Hilfe nicht Schulleistungskompetenzen abgerufen werden, sondern Zahlverarbeitungs- und Rechenfunktionen erfasst werden können.

Nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie soll die Diagnostik von Rechenschwäche folgende Fähigkeiten ermitteln:

- Fertigkeiten des Abzählens, des Vorwärts- und Rückwärtszählens

- Zuordnung von Mengen zu Zahlwörtern

- Übertragung von Zahlen aus der Wortform in die Ziffernform und umgekehrt

- Größenvergleich von Zahlen

- Mengeneinschätzung

- Zuordnung von Zahlen zu Veranschaulichungsmitteln wie zu einem Zahlenstrahl

- Beherrschung von mathematischen Operationen in den Grundrechenarten des Addierens, Subtrahierens, Dividierens und Multiplizierens

- Lösen von Kopfrechenaufgaben in den Grundrechenarten

- Transferleistungen und Analogieverständnis (2 + 3 = 3 + 2; 12 + 4 = 16 und 22 + 4 = 26; 5 x 2 = 10 und 5 x 20 = 100)

- Übersetzen von Sachschilderungen in Rechenoperationen

- Lösen von Textaufgaben.

Therapie

Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen dem Kind, den Eltern, Lehrern und dem Therapeuten/der Therapeutin ist die Grundlage einer Dyskalkulie-Therapie. Die Lern- und Leistungsmotivation muss unterstützt werden. Oft bedarf es auch einer Förderung der Fokussierung von Aufmerksamkeit und der Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeitsleistungen.

Einsicht gewinnen und verstehen lernen

Die Förderung rechenschwacher Kinder sollte auf die Vermittlung von Einsicht in mathematische Zusammenhänge, auf die Entwicklung von Vorstellungsbildern und auf das Verständnis des Bedeutungsgehalts von Zahlen zielen.

Lernstrategien erweitern

Die reduzierte Strategie des häufig beobachtbaren zählenden Rechnens muss um Lernstrategien erweitert werden, die es dem Kind ermöglichen, Zahlen zu gruppieren, Analogien zu entwickeln und Transferleistungen zu erbringen. Es muss ein Neuaufbau des kindlichen mathematischen Denkens angestrebt werden. Dabei ist es wichtig, dass das Kind ein Verständnis für den Aufbau von Zahlen entwickelt, Einsicht in Zahlbeziehungen gewinnt, Vorstellungsbilder von Größen und Mengen und eine Vorstellung vom Stellenwertsystem aufbaut sowie, dass es begreift, wofür Rechenoperationen stehen.

Es gibt kein „Zauber-Material“; Anschauung muss selbst vermittelt werden

Der Neuaufbau des kindlichen mathematischen Denkens bedarf der Veranschaulichung. Aber Anschauungsmittel und bildliche Darstellungen mathematischer Sachverhalte sprechen nicht für sich. Sie müssen selbst wiederum so vermittelt werden, dass das Kind sie sich aktiv aneignen kann, um das „sehen“ zu können, was es braucht, um über das Ergreifen zu begreifen.

Denkprozesse rekonstruieren

Der „Königsweg“ in der Dyskalkulie-Therapie: Um sinnvolle Fördermaßnahmen erschließen zu können, muss es Therapeuten gelingen, das Denken des Kindes über Zahlen, Stellenwerte und Rechenoperationen nachvollziehend zu rekonstruieren.

Üben, um Automatisierungen zu ermöglichen

Rechenfähigkeiten können nicht durch Üben, nicht durch Rezepte und auch nicht durch Auswendiglernen, also kompensatorisch über die Nutzung des Gedächtnisses, erworben werden. Regeln müssen verstanden werden, Merkfähigkeit kann trainiert und als ein Baustein unter anderen genutzt werden. Und Übungen sind notwendig. Sie dürfen aber die Einsicht in das mathematische Denken und dessen Verständnis nicht ersetzen. Sie dienen der Festigung von erworbenen Fähigkeiten und dem notwendigen Aufbau von Automatisierungsprozessen, die mit der Festigung einhergehen.